Der österreichische Aktionismuskünstler Günter Brus ist am 10. Februar 2024 in Graz verstorben. Im Kunsthaus Bregenz sind die Aufbauarbeiten für seine große Ausstellung mit fast 500 Arbeiten aus allen Schaffensphasen – die letzte an der Brus aktiv mitgearbeitet hat – im vollen Gange. Günter Brus wird wie vorgesehen am 16. Februar um 19 Uhr eröffnet und bis zum 20. Mai zu sehen sein.
„Das Team des Kunsthaus Bregenz trauert um einen außergewöhnlichen Künstler. Brus zählt zu den wichtigsten Positionen der Nachkriegszeit, sein Abschied ist ein unvergleichlicher Verlust für die Kunstgeschichte Österreichs. Brus war Zeichner, Aktionskünstler, Dichter, Intellektueller – und Visionär. Seine Werke zeugen von einer tiefgreifenden Auseinandersetzung mit den Themen des Menschseins und der Existenz“, erklärt KUB Direktor Thomas D. Trummer in einer ersten Reaktion.
Die KUB Ausstellung wurde gemeinsam mit Günter Brus und dem Bruseum am Universalmuseum Joanneum entwickelt. Sie würdigt die wichtigsten Phasen seines außerordentlichen Werkes. „Günter Brus und seine Frau Anna haben wesentlich zur Auswahl beigetragen, ein großer Teil der Leihgaben stammt aus ihrem persönlichen Bestand. Es ist unendlich schade und traurig, dass Günter Brus die Ausstellung, die eine Woche nach seinem Tod eröffnet wird, nicht mehr erleben kann.“, so Thomas D. Trummer.
Die KUB Ausstellung zeigt fast 500 Arbeiten aus allen Schaffensphasen. Es ist die letzte Präsentation, an der der Ausnahmekünstler aktiv mitgearbeitet hat. Günter Brus wird von 17. Februar bis zum 20. Mai 2024 im Kunsthaus Bregenz präsentiert.
Rund 600 Besucher*innen zog es am vergangenen Freitag, den 10. November, zur Eröffnung der neuen Ausstellung Solange Pessoa ins Kunsthaus Bregenz. Erde, Federn, Farbpigmente, Gewürze, Blumen, Knochen, Bronze, Haar, Fell und andere organische Stoffe nutzt Pessoa für ihre Installationen. Sie bilden einen faszinierenden Kontrast zu Peter Zumthors geradliniger Architektur. Die sinnlichen Werke der brasilianischen Künstlerin sind bis 4. Februar in Bregenz zu sehen.
Joseph Mallord William Turner gilt bis heute als Erneuerer und Vorreiter der Moderne. In seinen Bildern entfaltete die Farbe eine bis dahin ungesehene Freiheit. Schon früh begann er, die Möglichkeiten der Landschaftsmalerei zu erkunden, sowohl im Studium berühmter Vorbilder wie in der direkten Auseinandersetzung mit der Umwelt. Er experimentierte mit den Konventionen der Gattung, integrierte Naturwissenschaften, Mythos, Geschichte und Zeitgeschehen. Zunehmend verschob er die Grenzen des Darstellbaren. Bald lösten sich seine Werke so deutlich von der anschaulichen Natur, dass sie in ihrer Reduktion auf Farbe, Licht und Atmosphäre die abbildende Funktion die abbildende Funktion der Malerei. Damit verblüffte und provozierte Turner seine Zeitgenoss*innen. Die Nachwelt feierte seine erstaunliche Modernität.
An diesem langlebigen Mythos war Turner nicht unbeteiligt. Unsere Ausstellung geht der Frage nach, wie sich der Künstler schulte, erfand und inszenierte. Sie widmet sich jenen Strategien, die Turner für die öffentliche Präsentation seiner Werke nutzte, wie zum Beispiel an der Royal Academy in London. Außerdem zeigen wir seine Studien, Experimente und unvollendeten Werke, die zu Lebzeiten hinter den Kulissen blieben. Die Rezeption Turners in der damaligen Kunstdebatte wie auch in der Nachwelt bildet einen weiteren Schwerpunkt des Projekts; ihr verdankt er seinen Ruf als Vorläufer der Abstraktion.
Es ist ein lang gehegter Wunsch des Lenbachhauses, in seiner stetigen Erforschung der Geschichte der der Moderne und der Abstraktion auch das Werk Turners in seiner ganzen Breite zeigen zu können. Dank der Kooperation mit Tate Britain, London, die seinen reichen Nachlass bewahrt, werden Turners Werdegang und seine bildnerischen Innovationen anschaulich nachvollziehbar. Wir zeigen rund 40 Gemälde sowie 40 Aquarelle und Skizzen aus allen Schaffensphasen.
Das Lenbachhaus beherbergt die weltweit größte Sammlung zur Kunst des Blauen Reiter. Durch herausragende Schenkungen von Gabriele Münter 1957 und von Elly und Bernhard Koehler jun. 1965 mit Werken Wassily Kandinskys, Franz Marcs, Gabriele Münters und ihrer Künstlerkolleg*innen wurde das Lenbachhaus ein zentraler Ort für die Erforschung und Vermittlung der Kunst des Blauen Reiter.
Der Förderverein Lenbachhaus e. V. erwirbt nun anlässlich seines 30-jährigen Bestehens eine Kommode mit Tierdarstellungen von Franz Marc für die Sammlung des Lenbachhauses.
Franz Marc (1880–1916) dekorierte die Kinderkommode um 1910/11 für die Nichte seiner Partnerin, der Künstlerin Maria Franck-Marc. Mit ihrer naturnahen Darstellung von heimischen Wald- und Feldtieren umgeben von zarten Blüten folgt sie einer volkstümlichen Bildsprache und geht damit seinen nur wenige Jahre später entstandenen modernistischen Tierdarstellungen voraus.
Ab 1908/09 zog es die Künstler*innen aus dem Kreis des Blauen Reiter ins bayerische Voralpenland. In lebensreformerischer Abkehr von industrialisierten Produkten wandten sie sich der regionalen Volkskunst zu, sammelten volkskundliche Objekte und verarbeiteten diese Anregungen in eigenen Werken. Ebenso wandten sie sich Kinderwelten und Kinderkunst zu, die sie als unverdorben und antiakademisch idealisierten.
Die Kinderkommode stellt innerhalb der Sammlung des Lenbachhauses eine wichtige Ergänzung zu Möbelstücken dar, die Kandinsky und Münter für das Haus in Murnau gestalteten, in dem sie seit 1909 ihre Sommer verbrachten und die sich nun im Besitz der Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung befinden. Dort bemalten sie Stuhl, Schreibtisch, Bücherregal und das Treppengeländer mit floralen Elementen und symbolträchtigen Reitermotiven.
Franz Marcs Tierdarstellungen auf dem Möbelstück fügen sich in ländlich-pittoreske Darstellungstraditionen ein, lassen mit dem „piependen“ Hahn aber auch seine humorvolle Seite durchscheinen. Mit seinen späteren leuchtenden, kristallinen Tierbildern entwickelte Marc eine neue Sicht auf das Tier, das sich in einen kosmischen Rhythmus eingliedert. In „pantheistischer Einfühlung“ schuf er einen Tier und Landschaft verbindenden Grundklang und leistete seinen eigenen, bedeutenden Beitrag zu einer expressionistischen Ausdrucksform.
Seit 2018 unterstützt der Förderverein Lenbachhaus e. V. neben vielfältigen Programmen des Lenbachhauses vor allem die Erweiterung der Sammlung der Moderne. In nur wenigen Jahren konnten bedeutende Werke von Wassily Kandinsky, Marianne von Werefkin, August Macke und anderen erworben werden.
2022 erfolgten gleich fünf Neuankäufe, die das Ziel verfolgten, Lücken im Sammlungsbestand zu schließen und gerade Künstlerinnen und bisher vernachlässigte Positionen aus dem Kreis des Blauen Reiter zu stärken. Neben zwei bedeutenden Werken von Maria Franck-Marc konnten ein Gemälde von Elisabeth Epstein sowie zwei Terrakotta-Skulpturen von dem zu NS-Zeiten verfolgten und ermordeten Künstler Moissey Kogan erworben werden.
Mit dem Ankauf setzt der Förderverein e.V. seine Unterstützung auch in diesem Jahr fort. Die Neuerwerbung ist eine kleine Sensation, da die Kommode nicht nur direkt aus dem Familiennachlass stammt, sondern Objekte dieser Art kaum existieren oder auf dem Markt verfügbar sind.
Werke von Franz Marc sind momentan im Lenbachhaus in der Ausstellung „Der Blaue Reiter“ zu sehen, die auch das Interesse der Künstler*innen für Volkskunst und Kunst außereuropäischer Kulturen im kolonialen Kontext vor Augen führt.
Am Freitag, den 30. Juni 2023 um 19:00 Uhr eröffnet Der Divan – Das Arabische Kulturhaus in Zusammenarbeit mit der Botschaft des Libanon die Ausstellung “Circle of Life” mit den renommierten Künstlern, der libanesisch-italienischen Giorgia Fonnesu und dem libanesischen Emmanuel Guiragossian. Die Ausstellung ist vom 01. Juli bis zum 15. Juli 2023 im Arabischen Kulturhaus zu sehen.
Asma Al Bakr, Erste Sekretärin der Botschaft des Staaten Katar und Generalsekretärin des Divan sowie der Botschafter des Libanon, S.E. Dr. Mustapha Adib sprechen ein Grußwort gefolgt von einer kurzen Einführung der Kuratorin Dr. Karin Adrian von Roques.
Beide Künstler werden anwesend sein. Zur Eröffnung findet überdies ein Artist Talk statt.
Emmanuel Guiragossian ist einer der bedeutendsten zeitgenössischen Künstler des Libanon und einer der gefragtesten Künstler im Internationalen Kunstgeschehen. Er wurde 1954 als ältester Sohn des legendäre Malers Paul Guiragossian (1926-1993) im Libanon geboren. Seine Großeltern väterlicherseits waren Überlebende des Völkermords an den Armeniern im Ersten Weltkrieg. Dies und die Schilderungen seiner Großmutter väterlicherseits von den schrecklichen Geschehnissen ihres Überlebens und ihrer Erfahrungen während zweier Weltkriege und Bürgerkriege hatten einen tiefgreifenden Einfluß auf den jungen Emmanuel. Sein malerisches Talent zeigte sich früh. Nach einer Ausbildung mit einem Stipendium an der Dresdener Kunstakademie (1974 – 1979) begann seine internationale Karriere. In die Zeit fällt auch seine Professur seit 1984 an der Académie libanese des beaux-arts (ALBA) und an der American University (AUB) in Beirut. Trotz der schwierigen Situation durch den libanesischen Bürgerkrieg (1975- 1990), der in diese Jahre fiel.
Emmanuel Guiragossian ist ein Meister in der Darstellung der menschlichen Figur und des Tieres. In vielen seinen Gemälden steht der Mensch im Mittelpunkt. Nicht als Individuum, in einer Einzeldarstellung, sondern in Gruppen. Charakteristisch ist, dass viele Menschen beisammenstehen, dicht beisammen, aneinander gelehnt, ineinander verschlungen. Es sind abstrakte Kompositionen verwobener menschlicher Figuren, die die kollektive Natur der Menschheit symbolisieren. In den 1980er Jahren kam das Pferd als Bildsujet dazu. In vielen Arbeiten steht das Pferd im Mittelpunkt wie in dem Circle of Life betitelten, das im Divan zu sehen ist. Ausstellungen fanden in Ländern wie im Libanon, in Deutschland, in Kanada, in den USA, in den Vereinigten Arabischen Emiraten und in Jordanien statt. Über die Beschäftigung mit seiner eigenen künstlerischen Karriere hinaus arbeitete er eng mit seinem Vater, Paul Guiragossian, zusammen. Im Jahr 1991 erfolgte die Gründung der EMMAGOSS Art Gallery im Libanon in Partnerschaft mit seinem Vater und mit der Unterstützung seiner Familie. Im Jahr 2007 expandierte die Galerie mit der Eröffnung einer zweiten in Dresden.
Emmanuel lebt zwischen Beirut, Dresden und Berlin. In Berlin hat er ein Atelier, wo er sich regelmäßig zu längeren Aufenthalten aufhält. Ein Interview mit dem Künstler ebenso wie mit Giorgia Fonnesu, die auch ein Atelier in Berlin hat, ist gut möglich.
Der Divan präsentiert eine Auswahl von Gemälden und Aquarellen sowie Skulpturen von Emmanuel Guiragossian.
Die zweite Ausstellung im Divan – Das Arabische Kulturhaus stellt die italienisch – libanesische Künstlerin Georgia Fonnesu vor, die Objekte und Skulpturen aus Ton herstellt. Georgia, die 1974 geboren wurde, wuchs an den Ufern des Mittelmeeres zwischen dem Libanon und Sardinien auf. „Das Meer hat immer mein Leben umgeben, darüber hinaus hat das Mittelmeer meine Art zu denken beeinflußt, besonders als ich die große Verbindung zwischen meinem Heimatland Sardinien und dem Libanon feststellte.“, sagt Giorgia. Schon früh faszinierten sie die Seeigel, nicht nur wegen ihres Aussehens, sondern auch wegen der Bedeutung, die ihnen zukommt. „Seeigel“ sagt sie „werden als Wächter des Meeresökosystems angesehen. Das interessierte mich.“ Ihre im Divan gezeigte Installation verweist auf die Bedeutung der Seeigel und ihre Rolle im Klimawandel.
Für die Konzeption der Ausstellung hat das Arabische Kulturhaus die international renommierte Kunsthistorikerin und Kuratorin Karin Adrian von Roques verpflichtet. Während des Studiums Islamischer Kunstgeschichte hatte sie sich in den 1990er Jahren auf zeitgenössische Kunst aus dem Mittleren Osten und Nordafrika (MENA) spezialisiert. Seit mehr als 20 Jahren kuratiert sie weltweit Ausstellungen in Museen und Kultureinrichtungen. Sie hat insbesondere die Veränderungen in den Golfstaaten wie in Qatar miterlebt und wie sich diese auf das Kunstgeschehen ausgewirkt haben.
Für Der Divan – Das Arabische Kulturhaus gehört zum Programm, aktuelle und kontroverse Themen anzusprechen, wie beispielsweise für Anfang des Jahres 2023 der Themenkomplex Frauen und wie für die Zukunft geplant die Thematik Natur, Umweltprobleme und Nachhaltigkeit. Dazu werden jeweils diverse Veranstaltungen konzipiert und gezeigt, von Podiumsdiskussionen bis zu Vorträgen oder Lesungen und Kunstausstellungen. Das Arabische Kulturhaus ist überzeugt, dass insbesondere Kunst die Art und Weise, wie wir denken, verändern kann. Die Vision des Arabischen Kulturhauses ist es, nicht nur eine Brücke zwischen der deutschen und arabischen Kultur zu schlagen, sondern auch eine Brücke zwischen den Nationen und Kulturen international, wie in dieser Ausstellung zwischen Katar, Deutschland, dem Libanon und Italien.
Nicht ohne Absicht ist der Titel einer neuen Serie von Druckgrafiken von Gottfried Bechtold, die sich mit dem Kultroman Ulysses des irischen Schriftstellers James Joyce beschäftigt. Zum so genannten Bloomsday am 16. Juni, dem internationalen Gedenktag und Pflichttermin für alle Ulysses-Fans, laden KUB Direktor Thomas D. Trummer und Gottfried Bechtold in das Bregenzer Atelier des Künstlers. Neben einem Gespräch wird auch die ein oder andere Zeile des Romanklassikers rezitiert und vorgelesen!
Bloomsday Atelierbesuch bei Gottfried Bechtold mit KUB Direktor Thomas D. Trummer Eichholzstraße 5, 6900 Bregenz Freitag, 16. Juni, 16 Uhr Mit KUB Direktor Thomas D. Trummer
Monira Al Qadiri zählt zu den wichtigsten Künstler*innen der Golfregion. Sie wird im Senegal geboren, wächst in Kuwait auf und bricht mit nur sechzehn Jahren nach Japan auf. Ihre Identität sei hybrid, ihre Heimat ungeklärt, erklärt sie. »Ich bin ein Mutant«, sagt Monira Al Qadiri. Der Krieg in Kuwait lässt sie nach Ausflüchten suchen. Bekannt wird sie mit Videos und Skulpturen, die sich mit der Petro-Kultur und der Abhängigkeit des modernen Lebens von fossilen Energien auseinandersetzen. »Öl ist eine zerstörerische Kraft, aber in gewisser Weise ist es auch ein Wunder. Es ist wie ein sehr seltsames außerirdisches Wesen, das aus dem Weltraum gelandet ist und irgendwann wieder verschwinden wird.« Sie präsentiert Objekte, die mit Autolacken überzogen sind. Sie sehen wie Schmuckstücke in einer Schatzkammer aus, erinnern an phallische Raketen, futuristische Sprengsätze oder Science-Fiction. Sie strahlen mintgrün, ultramarin oder in Messingfarben. Manche sind auf weiße Sockel montiert und rotieren, andere nehmen monumentale Formate an und finden sich im öffentlichen Raum. Tatsächlich handelt es sich um Bohrköpfe. Al Qadiri verändert ihre Formen nicht, gestaltet lediglich Dimension und Farbigkeit.
Mutant Passages präsentiert neue Arbeiten, die eigens für das Kunsthaus Bregenz konzipiert wurden. Sie sind das Ergebnis intensiver Forschung. Formen und Ideen, die die Künstlerin in den letzten zehn Jahren zum Thema Öl entwickelt hat, kulminieren in diesen Werken.
Von 6. Mai bis 3. September 2023 präsentiert das Museion die bisher größte Ausstellung von Shimabuku (*1969, Kobe, Japan) in Europa und zugleich seine erste Einzelausstellung in einem italienischen Museum.
Shimabukus interdisziplinäre Kunst bietet einen feinsinnigen, neugierigen und humorvollen Zugang zur Welt. Seine Werke entstehen in persönlichen Momenten der Verwunderung oder des Staunens, beginnen mit einer Idee, einer ersehnten Begegnung, einem Gedicht. Durch Interaktion mit der Umgebung, bei der der Künstler seinen innersten Gedanken Ausdruck verleiht, werden diese intimen Momente zugänglich, werden als fotografische, filmische und skulpturale Reflektionen im Ausstellungsraum zu öffentlichen Statements. So gelingt es Shimabuku etwa, Verwandtschaftsbeziehungen zwischen Tieren, Landschaften, Geschichte, Ideen und Menschen zu entdecken, Ähnlichkeiten und Spiegelungen im fließenden Übergang.
Die Ausstellung trägt den Titel Shimabuku.Me, We, der direkt von einem Zitat des weltberühmten Boxers Muhammad Ali inspiriert ist, das manche für das kürzeste Gedicht der Welt halten, und das als eine Grunddefinition dessen gelten kann, was man Beziehung nennt: Me, We, Ich, Wir.
Auf den zwei obersten Etagen des Museion wird eine große Bandbreite des Werks von den frühen 1990ern bis heute gezeigt, darunter auch Arbeiten, die eigens für die aktuelle Ausstellung gemacht wurden. Im dritten Stockwerk findet ein retrospektiver „flow of episodes“ ganz ohne lineare Zeiteinteilung statt, während es im vierten Stock zu einer thematischen Verbindung von älteren und neueren Werken kommt. Dabei ist die Verschränkung unterschiedlicher Kategorien wichtig: Objekte, Tiere, Früchte, Geschichte und internationale Geografien. Shimabukus Ästhetik verunklart kategoriale Grenzen und erzeugt dabei den Effekt, dass Umrisse schärfer werden, wie unter die Lupe genommen. Bei Shimabuku gibt es kein Gegensatz zwischen Innen und Außen, stattdessen fokussiert er auf die Interaktion der unterschiedlichen Bereiche.
Ein Highlight der Ausstellung ist die große skulpturale Installation Me, We (2023), produziert in Zusammenarbeit mit der Bozener Fondazione Antonio Dalle Nogare sowie dem früheren Montecatini-Unternehmen (ehemals Solland Silicon) in Meran. Sie besteht aus Baumaterialien aus dem Mauracherhof und der früheren Montecatini- respektive Solland-Silicion-Fabrik. In dieser Installation bringt der Künstler die Gebäude – eines wird gerade abgerissen und das andere von Grund auf saniert – und ihre unterschiedlichen kulturellen Hintergründe zusammen. Der Mauracherhof wurde 1278 gebaut, während die ehemalige Montecatini-Fabrik aus der Zeit der Italianisierung in den 1920ern stammt. In Me, We (2023) verwebt der Künstler die grundverschiedenen Geschichten zu einem Kunstwerk mit Zukunft und schafft einen neuen gemeinschaftlichen Bedeutungszusammenhang.
Ein weiteres neues Werk in der Ausstellung ist Bed Peace (2023): eine Bett-Skulptur mit zwei nebeneinander liegenden Figuren, hergestellt mit Erde aus mehreren unterschiedlichen Tälern Südtirols.
Zudem hat der Künstler exklusiv für die Ausstellung eine Edition entworfen, eine Kollaboration mit Mutina, dem allseits bekannten, auf hochwertige Designer-Keramik spezialisierten Unternehmen. Die Edition ist Teil des Programms ‚Mutina for Art‘, zur Unterstützung von Künstlern gegründet.
Das Museion – Museum für moderne und zeitgenössische Kunst in Bozen präsentiert die interdisziplinäre und prozessuale Ausstellung Plot des Künstlers Asad Raza in Zusammenarbeit mit den Architekten BB (Fabrizio Ballabio, Alessandro Bava), der Künstlerin Lydia Ourahmane und der Choreografin Moriah Evans.
Mit Plot erkundet das Museion neues Terrain für experimentelle und kooperative Formen des Ausstellungsmachens. Im Dialog zwischen bildender Kunst, Wissenschaft, Architektur, Tanz und lokalen Akteur*innen mit einem starken Bodenbezug baut das Projekt buchstäblich auf situiertem Wissen auf.
Ausgangspunkt von Razas Ausstellung sind seine ortspezifische Installation Absorption und seine fortlaufende Videoarbeit Ge. Absorption füllt das zweite Obergeschoss im Museion in Zusammenarbeit mit Bodenkundler*innen und einer Bodenkoordinatorin mit mehr als 60 Tonnen künstlichem „Neosoil“ – einer Mischung aus lokalen Inhaltsstoffen und Abfallprodukten wie Lehm, Sand, Traubentrester, Marmorstaub, Kaffeesatz, Asche aus dem Pizzaofen, menschlichem Haar und anderen Substanzen. Dieses „Neosoil“ wird von Kultivator*innen fortwährend vermengt, umgewälzt, ergänzt und fruchtbar gemacht, um es den Besucher*innen zum Mitnehmen und zur Verwendung in ihren Projekten oder Gärten anzubieten.
Häufig bilden Azad Razas Arbeiten die Umgebung für Interventionen anderer Künstler*innen: In Plot überlässt er seine gesamte Szenerie anderen Akteur*innen, die darin ihre eigenen temporären Kapitel entwickeln. Damit durchläuft Absorption mehrere aufeinander folgende Metamorphosen. Das Fundament für den weiteren Handlungsverlauf wird vom ersten Tag der Ausstellung an in der früheren Bibliothek des Museion gelegt. Diese verwandelt sich in ein Depot für die Zutaten des Bodens und in eine Werkstatt, in der „Neosoil“ zu Lehmziegeln geformt wird.
Für das zweite Kapitel erkunden die Architekten BB (Fabrizio Ballabio, Alessandro Bava) und die Künstlerin Lydia Ourahmane mithilfe dieser Ziegel den Prozess einer „Behausung“ der Szenerie. Hierfür bedienen sie sich einer bis heute aktuellen Bautechnik, die ihren Ursprung in Ägypten hat. Mit einem Ziegelmacher konstruieren sie mit diesem nachhaltigen Material den Prototyp einer kleinen Struktur mit Bezug auf verschiedene Zufluchtsorte: von Biwaks in den Bergen über „Sacelli“-Heiligtümer der Renaissance bis hin zu Schutzräumen in der algerischen Wüste.
Im dritten Kapitel wird diese hybride Umgebung zum Schauplatz für das Debüt von Moriah Evans in Italien – realisiert in Zusammenarbeit mit Tanz Bozen. Out of and Into: PLOT ist eine Neukomposition aus zwei bestehenden Arbeiten der Choreografin: ihrem jüngsten Stück Remains Persist (2022), das in unseren Körpern nachhallende Spuren verschiedener Arten von Informationen verfolgt, und ihrem Frühwerk Out of and Into (8/8): STUFF (2012), mit dem sie expressive Stilbilder des “hysterischen” Körpers erkundet. Indem sie Relikte oder das fruchtbare Erbe ihrer eigenen Praxis absorbiert, schöpft sie aus Prozessen des Verfalls und des Wiederauflebens eine neue ortsspezifische Fortsetzung.
Im vierten Kapitel kehrt die Handlung von Plot zu Absorption zurück. Die Lehmziegel werden wieder im „Neosoil“ zersetzt und die Kultivator*innen erscheinen erneut, um die Chemie der Erde in ein furchtbares Gleichgewicht zu bringen. Während dieser Phase der Ausstellung sind die Besucher*innen wieder eingeladen, so viel „Neosoil“ mitzunehmen, wie sie möchten.
Als eine parallele Erzählung entfaltet sich über die gesamte Laufzeit der Ausstellung Razas Videoarbeit Ge, deren Titel sich auf die griechische Erdgöttin Gaia bezieht. Hierin kartografiert Raza verschiedene Biotope der Erde wie in einem poetischen Tagebuch oder einer Meditation. Die erste Strophe dieser fortlaufenden Videoarbeit mit offenem Ende erkundet eine Küstenlandschaft im Umfeld des Landhauses von James Lovelock, der die Erde in seiner Theorie als selbstregulierendes lebendes System beschrieben hat. Die zweite Strophe enthält ein Rezept für die Herstellung künstlicher Erde zuhause. Im Verlauf von Plot wird sich Ge mit neuen Strophen weiterentwickeln, die unter anderem am Eriesee und in der Ruine des Klosters von Hildegard von Bingen spielen.
Im titelgebenden englischen Wort „Plot“, das sowohl für ein Stück Land, einen Grund(riss) oder die Wendungen einer Erzählung stehen kann, klingen bereits die unterschiedlichen konzeptionellen Dimensionen der Ausstellung an. Wie die Handlung eines Romans entwickelt sie sich in mehreren Kapiteln. Jedes kreiert auf seine Weise poetische und sinnliche Begegnungen zwischen natürlichen und künstlichen, lebenden und nicht-lebenden Wesen sowie ein Gefühl der Durchlässigkeit zwischen Körpern, Architektur und Landschaft.
In einem Epilog wird das verbliebene und in die Museion Passage gebrachte Neosoil während der Langen Nacht der Museen am 8. September verschenkt – als Satgut für neue Landschaften und Fortsetzungen.
„Leben? oder Theater?“ ist das Lebenswerk der Künstlerin Charlotte Salomon (1917 Berlin – 1943 Auschwitz), das innerhalb von zwei Jahren nach ihrer Flucht 1939 aus Berlin nach Südfrankreich entstanden ist. Dieses von ihr so genannte „Singespiel“ besteht aus 768 Gouachen, die in drei Akte eingeteilt sind und Zeichnungen, Textzeilen sowie szenische Anmerkungen in Gouache umfassen. Das reichhaltige Konvolut, welches seit 1971 vom Jüdischen Museum in Amsterdam aufgearbeitet und verwaltet wird, ist nicht nur ein herausragendes künstlerisches Werk des 20. Jahrhunderts, sondern gibt gleichzeitig auf einzigartige Weise Aufschluss über Salomons wendungsreiches und selbstbestimmtes Leben. Es besticht durch die Vielfalt von Salomons Bildern sowie durch die reichen Bezüge zu Kunst, Film, Musik und Philosophie ihrer Zeit.
Die Erzählform von „Leben? oder Theater?“ ist bis heute aktuell geblieben. Die Illustrationen und Texte fügen sich wie Szenenbilder einer Theaterinszenierung oder eines Drehbuchs zusammen und nehmen gleichzeitig den hybriden Charakter aus Text- und Bildebene von Graphic Novels vorweg. Die Figuren des Werks beruhen auf Salomons persönlichem Umfeld, sind von ihr jedoch subjektiv herausgearbeitet und somit zu fiktiven Charakteren abstrahiert. Auch die Erzählung selbst ist nicht als autobiographischer Tatsachenbericht zu verstehen, sondern bringt unterschiedliche Situationen und Lebensumstände in einen freien Sinnzusammenhang. So gibt Salomon in ihrem „Singespiel“ vor allem den zwischenmenschlichen Begebenheiten ihres Lebens Bedeutung; die Bedrohungen der NS-Zeit bilden den Hintergrund, vor dem sich ihre Erzählung entfaltet.
„Leben? oder Theater?“ zeugt durch innovative und kraftvolle Bildfindungen sowie feine ironische Nuancen von einer selbstbewussten künstlerischen Praxis. Auch außerhalb ihrer Kunst tritt Salomon – trotz familiärer Schicksalsschläge und antisemitischer Verfolgung – als souveräne Protagonistin ihres Handelns in Erscheinung. Ihr Lebenswerk bietet so einen einmaligen Einblick in das komplexe und gewaltsam verkürzte Leben einer jungen Künstlerin.