Palazzo Cavanis, Venedig
10. Mai – 23. November 2025
Am 10. Mai wurde im Palazzo Cavanis in Venedig die Ausstellung ALPS. ARCHITECTURE. SOUTH TYROL. feierlich eröffnet. Kuratiert vom Architekten Filippo Bricolo, wurde das Projekt von Kunst Meran Merano Arte in Zusammenarbeit mit der Architekturstiftung Südtirol und dem Südtiroler Künstlerbund realisiert und steht unter der Schirmherrschaft der Stadt Venedig. Die Ausstellung wird parallel zur 19. Internationalen Architekturbiennale bis zum 23. November 2025 gezeigt.
Nach seiner Premiere im vergangenen Jahr in Meran unter dem Titel „Neue Architektur in Südtirol 2018–2024“ ist das Ausstellungsprojekt, das als Wanderausstellung konzipiert wurde, nun unter dem internationalen Titel ALPS. ARCHITECTURE. SOUTH TYROL. in Venedig zu besichtigen. Die Schau bietet eine umfassende Bestandsaufnahme des baukulturellen Entwicklungsprozesses in Südtirol zwischen 2018 und 2024. Sie erzählt die jüngste Architekturgeschichte des Landes und spiegelt die fortschreitende Transformation der alpinen Landschaft eindrucksvoll wider.
Im ersten Stockwerk des Palazzo Cavanis entfaltet sich die Ausstellung in einer einzigartigen Symbiose aus moderner Architektur und historischer Bausubstanz: 28 Hauptprojekte und 28 weitere Bauten treten in einen spannungsvollen Dialog mit Marmorböden, Deckenfresken und Murano-Leuchtern. Ergänzend zur Ausstellung bietet der Garten des Palazzo Cavanis, ein Unikum in Venedig, tagsüber einen Ort der Entspannung und abends mit der Osteria dell’Architetto eine Bühne für Talks mit Architekt*innen, Workshops und weitere Veranstaltungsformate.
Im Zentrum der Schau steht die von Kurator Bricolo formulierte Kernfrage, ob es eine eigene Südtiroler Architektur gibt und, wenn ja, welche Charakteristika sie auszeichnen. Die Auswahl der präsentierten Projekte erfolgte durch eine hochkarätig besetzte Jury, bestehend aus Filippo Bricolo (I), Architekt (Bricolo Falsarella Architetti) und Dozent am Polytechnikum Mailand, Annette Spiro (CH), Architektin (Spiro + Gantenbein Architekten ETH/SIA AG) em. Professorin für Architektur und Bauingenieurwesen an der ETH Zürich, sowie Elisa Valero Ramos (ES), Architektin und Professorin für Architektur an der Escuela Técnica Superior de Arquitectura, Universität Granada. Die Jury sichtete zunächst über 240 eingereichte Projekte für eine erste Vorauswahl und wählte nach Besichtigung zahlreicher Bauten vor Ort 28 Main
Projects aus, die sowohl in der Ausstellung als auch im begleitenden hochwertigen Bildband ausführlich vorgestellt werden. Eine zweite Gruppe von 28 Special Mentions wird in reduzierter Form präsentiert.
Die Auswahlkriterien der Jury spiegeln sich auch im diesjährigen Biennale-Thema „Intelligens. Natural. Artificial. Collective.“, das vom Kurator Arch. Ratti gewählt wurde. So untersucht die Ausstellung zwar in erster Linie die von Filippo Bricolo formulierte Kernfragenach der Südtiroler Architektur, beschäftigt sich aber auch mit den Leitthemen der Biennale. Im Zentrum stehen Projekte, die sich durch eine nachhaltige Planung, die behutsame Wiedergewinnung von Ortskernen sowie einen möglichst ressourcenschonenden Umgang mit Landschaft und Materialien auszeichnen – Aspekte, die den baukulturellen Wandel der Region prägen und in den 28 Hauptprojekten besonders vertieft werden.
Georg Klotzner, Präsident von Kunst Meran und Initiator des Projekts ALPS. ARCHITECTURE. SOUTH TYROL. erklärt: „Die thematische Nähe zur diesjährigen Biennale bietet eine wertvolle Gelegenheit, die architektonische Vielfalt Südtirols einem internationalen Fachpublikum zu präsentieren. Bestärkt durch durch das positive Echo, das unsere Architekturausstellungen bereits auf nationaler wie internationaler Ebene erfahren haben, sind wir überzeugt, dass sich die Südtiroler Architektur im Vergleich mit anderen Regionen im Alpenraum und darüber hinaus erfolgreich behaupten kann.”
Jenseits klassischer Kategorisierungen
Die Kategorien, die der Ausstellung und dem begleitenden Bildband als Struktur dienen, verstehen sich nicht als starre Einordnungen, sondern als mögliche Lesarten der vielfältigen Ausdrucksformen der Südtiroler Architektursprache. Sie stellen ein nützliches wie diskursives Instrument zu deren Erforschung und Betrachtung dar.
In der Kategorie „Reflektierte Wiederverwendung“ finden wir daher eine Auswahl von Projekten, die sich mit der architektonischen Umnutzung älterer Bauten beschäftigen. Dabei werden verschiedene Bauwerke miteinander verglichen, die sich sowohl in ihrer Entstehungszeit als auch in ihrer ursprünglichen Funktion stark unterscheiden. Lukas Wielander und Martin Trebo haben beispielsweise ein mittelalterliches Gebäude im Herzen von Glurns zu Wohn- und Geschäftsräumen umgebaut. Das Projekt ist ein besonders gelungenes Beispiel für eine behutsame Sanierung, die mit modernen Mitteln den Bestand an heutige Wohnbedürfnisse anpasst und gleichzeitig mit seiner Geschichte in Einklang bringt. Auch für die Wiedergewinnung von Bauten des 20. Jahrhunderts gibt es zahlreiche Beispiele, wie das Projekt von ModusArchitects. Mit der Cusanus Akademie in Brixen, einem Meisterwerk des Architekten Othmar Barth (1927-2010), ist es dem Brixner Büro gelungen, einen zeitgenössischen Stil mit den Gestaltungsprinzipien zu verbinden, die Barth seinerzeit inspirierten, und so neue Möglichkeiten für den Dialog mit den Werken des 20. Jahrhunderts zu eröffnen.
Die Stadt Brixen liefert ebenso in der Themenwelt „Urbane Evokationen“ eine eindrucksvolle Fallstudie über die Beziehung zwischen Architektur und historischem Kontext. Hier haben ModusArchitects mit dem Neubau für den Sitz des Tourismusvereins Tree Hugger ein überzeugendes städtebauliches Projekt umgesetzt, das in die Zukunft blickt und zugleich enge Bezüge zur Vergangenheit, zum alten Ortskern und dem kollektiven Gedächtnis der Stadt herstellt.
Neben dem Dialog mit der Stadt findet auch ein Dialog mit der Natur statt, der in einer Region wie Südtirol nicht fehlen darf. In der Rubrik „Natürliche Architektur“ („Architettura naturans“) finden sich ausgewählte Architekturbeispiele, die aus einer direkten Beziehung zur Natur entstanden zu sein scheinen, wie etwa der neue Keller des Weingutes Pacherhof in Neustift bei Brixen, umgesetzt vom Architekturbüro bergmeisterwolf. Dieses Gebäude übersetzt die umgebende Bergwelt harmonisch in Architektur und ist eines der bedeutendsten Beispiele für Weinarchitektur, das mit zahlreichen internationalen Preisen und Auszeichnungen gewürdigt wurde. Anders, aber ebenso ausdrucksstark, agieren Senoner Tammerle Architekten mit dem Schutzhaus Santnerpass, wo die Architektur zum subtilen Spiegelbild der außergewöhnlichen Landschaftskulisse wird.
Die Kategorie „Beteiligte Topografie“ hingegen umfasst Bauwerke, bei denen die Beziehung zum Gelände und dessen oft unwegsamen Verlauf ein entscheidender Aspekt ist. Das Zivilschutzzentrum Ritten von Roland Baldi Architects, das eine neue Zentrale für Feuerwehr, Bergrettung und Weißes Kreuz beherbergt, scheint sich mit seiner einfachen, skulpturalen Form in den natürlichen Hang zu integrieren. Die Betonfassade, inspiriert von den sogenannten „Erdpyramiden“ (geologische Formationen in dieser Gegend), verstärkt den Effekt, dass das Gebäude aus dem Boden zu wachsen scheint und ein Teil davon wird. In der gleichen Kategorie positionieren Cez Calderan e Zanovello Architetti mit ihrem markanten Projekt der Eishalle Intercable Arena meisterhaft eine Architektur in der Landschaft, die sich als neuer infrastruktureller Horizont präsentiert, der in einen poetisch-expressiven Dialog mit der Bergszenerie tritt.
„Plausible vernakuläre Baukunst“ thematisiert anhand ausgewählter Projekte die Beziehung zu traditionellen Lebensformen, die weder inszeniert noch heruntergespielt wird. Ein Beispiel dafür ist der Zierhof mit Stube im Pflerschtal von NAEMAS Architekturkonzepte, der nach der Zerstörung des Hofes durch einen verheerenden Brand neu errichtet wurde. Mit einer Architektursprache, die an das ursprüngliche Gebäude erinnert und gleichzeitig einen zeitgenössischen Ansatz verfolgt, erforscht das Projekt das heilende Potenzial der Erinnerung. Auch die Projekte von Pedevilla Architects (das gemeinsam mit Willeit Architektur realisierte Servicegebäude am Kreuzbergpass und das ciAsa Aqua Bad Cortina in St. Vigil in Enneberg) schaffen es, Tradition und Innovation einfühlsam miteinander zu verbinden, wobei der Schwerpunkt auf Nachhaltigkeit und der Förderung der Handwerkskultur liegt.
In der Kategorie „Fruchtbare Ausgrabungen“ finden sich architektonische Eingriffe, die mit Abstraktion arbeiten, wie die Musealisierung der Stadtmauer von Meran der Höller und
Klotzner Architekten. Durch die Verwendung von einfachen Stahlprofilen, die an die ursprünglichen Abmessungen der Mauern erinnern, die bei den Ausgrabungsarbeiten rund um die Landesfürstliche Burg zum Vorschein kamen, gelingt es dem Projekt, die Präsenz dessen, was nicht mehr da ist, wieder zum Vorschein zu bringen und die Erinnerung daran zu bewahren.
Die Innenarchitektur wird in der Rubrik „Poetisches Innenleben“ thematisiert, mit Projekten, die sich jenseits eines internationalen Stils bewegen oder lokale Tendenzen im touristischen Sinne aufgreifen und die weniger erforschte Pfade erkunden. Martin Feiersingers Art Library auf Schloss Gandegg bei Eppan spielt mit kühnen Kontrasten, in denen farbige Installationen und Einrichtungsgegenstände in einen spielerischen Dialog mit dem bestehenden Gebäude treten.
Die Sparte „Kunst und Architektur“ befasst sich mit einer Verbindung, die für die wesentlichen Trägerinstitutionen der Ausstellung von zentraler Bedeutung ist. An dieser Stelle finden Projekte wie die Halle 3 von Julian Tratter und Markus Hinteregger Beachtung. Bei der Erweiterung des Firmensitzes von barth Innenausbau in Brixen wurde neben der Schaffung neuer Gemeinschaftsräume für die Mitarbeitenden auch eine Galerie für zeitgenössische Kunst eingerichtet und verschiedene Kunstschaffende einbezogen. Zusammen mit den anderen in dieser Rubrik gezeigten Projekten veranschaulicht sie beispielhaft das Potenzial eines neuen, intensiven Dialogs zwischen Kunst und Architektur.
Drei Artcontainer für die Reise nach Venedig und eine Wolke, die Gedanken beflügelt
Der Transport der Ausstellung von Südtirol nach Venedig erfolgte auf ungewöhnliche Weise – in drei „artcontainer“, die die Künstlerin Wil-ma Kammerer eigens im Auftrag des Unternehmens Niederstätter gestaltet hat. Das Werk mit dem Titel I WISH YOU… besteht aus gestapelten, schwarzen Containern mit weißen Wolkenmotiven und Punkten, Symbole für den Wandel vom Unbestimmten zum Konkreten. Diese poetische Bildsprache wird auch zum Leitmotiv der gesamten Kommunikation rund um die Ausstellung. Im Rahmen des Projektes artcontainer arbeitet die Niederstätter AG mit zeitgenössischen Künstler*innen an der Realisierung von Kunstprojekten für modulare Gebäude, sowohl für den öffentlichen als auch für den privaten Gebrauch. Die Installation I WISH YOU… von Wil-ma Kammerer wird während der gesamten Laufzeit der Architekturbiennale Venedig 2025 auf dem Areal des Spazio Thetis im Arsenale zu sehen sein.