Maria Jarema: Revolutionäre Kommissarin der Abstraktion
Maria Jarema (1908–1958) konnte vieles: Sie war Bildhauerin und Malerin, sie experimentierte mit Drucktechnik, entwarf Kostüme und Bühnenbilder für Theater und Tanz, war Schauspielerin. Sie verfasste kunsttheoretische Texte, forderte das Recht von Frauen auf uneingeschränkte körperliche und kreative Selbstbestimmung, schrieb Manifeste gegen die Klassengesellschaft.
Die Stadt Krakau war Jaremas Lebensmittelpunkt. Dort begründete sie 1932 mit befreundeten Studierenden die Krakauer Gruppe (Grupa Krakowska) aus Protest gegen die nationalistischen Tendenzen an der Kunstakademie. Die Gruppe stand der offiziell verbotenen Kommunistischen Partei nahe und spielte eine wichtige Rolle für die künstlerische Generation der Zwischenkriegs- und unmittelbaren Nachkriegszeit. In Krakau lebte Jarema auch während des Zweiten Weltkriegs und der Besatzung durch Nazi-Deutschland, eine Zeit, die für ihr kommunistisches, aber auch anti-stalinistisches Umfeld lebensbedrohlich war.
Ihre eigenwillige künstlerische Formensprache zeugt von Jaremas Vertrautheit sowohl mit der Geschichte der Kunst als auch ihren aktuellen Entwicklungen. Sie kannte die Werke ihrer Zeitgenoss*innen in Warschau, Paris und Moskau, auch der Münchner Kreis des Blauen Reiter war ihr geläufig. Während längerer Aufenthalte in Paris 1937 und 1947 kam sie in Berührung mit dem Surrealismus, in dem sie ihre eigene Haltung wiedererkannte: Die Kunst war für Jarema kein politisches Mittel, sondern eine revolutionäre Praxis, die das Denken verändern und Gesellschaft verbessern konnte.
Ihr Leben war eng mit dem Theater verbunden: Sie war mit ihrem Bruder, dem Künstler Józef Jarema, und später unter anderen mit Tadeusz Kantor (auf dessen humorvolles Porträt Jaremas der Titel unserer Ausstellung zurückgeht) in experimentellen
Theaterprojekten aktiv.
Aus dieser langjährigen Erfahrung im Theater rührte Jaremas Interesse, gesprochenes Wort und körperlichen Ausdruck, Rhythmus und Bewegung in Form von Skulptur und Bild zu denken. Daraus zog sie wiederum Rückschlüsse für ihre Arbeit an Bühnenbild und Kostüm. Titel wie „Rhythmus“, „Durchdringung“ und „Filter“ bezogen sich zwar auf Werkserien auf Papier, stehen jedoch für Methoden, die sie in breiterem Maße anwandte. Innerhalb ihrer Malerei inszenierte Jarema Begegnungen zwischen Formen, die sie einst als „Anekdoten“ bezeichnete – eine Charakterisierung, deren Beiklang von Trivialität im Widerspruch zu ihrer Beschreibung der Bildfläche als Ort der „Konfrontation mit Konsequenzen für die Außenwelt“ steht.
In ihrer Wahlheimat Krakau ist Jarema bis heute allgegenwärtig: Zwei von ihr entworfene Denkmäler sind dort zu sehen, eine Straße trägt ihren Namen, eines ihrer abstrakten Gemälde ziert – hundertfach vergrößert – die Fassade eines Wohnblocks, Künstler*innen jüngerer Generationen widmen ihr öffentlich Hommagen.
Mit der monografischen Ausstellung am Lenbachhaus (27. Oktober 2026 – 25. April 2027) wird eine der bedeutendsten Künstlerinnen der polnischen Moderne erstmals auch in Deutschland umfassend gewürdigt. Zu sehen sind Werke aus allen Schaffensphasen Maria Jaremas, darunter zahlreiche Gemälde, Monotypien, Skulpturen und Kostüme.