Balthasar Burkhards visuelle Welt wirdzugänglich
Balthasar Burkhard (1944–2010) zählt zu den herausragendsten Schweizer Fotografen der Nachkriegsmoderne. Seit 2022 befindet sich sein umfangreiches Archiv in der Obhut der Fotostiftung Schweiz, deren Aufgabe die Bewahrung des fotografischen Erbes des Landes ist. Nun wurden rund 2.800 Gelatinesilberabzüge aus verschiedenen Werkgruppen systematisch aufgearbeitet und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Burkhard verstand sich stets als Künstler. Diese Haltung unterschied ihn grundlegend von den Foto-Reportern der 1960er- und 1970er-Jahre und trug massgeblich dazu bei, dass er der Kunstfotografie einen festen Platz in den Sammlungen renommierter Museen verschaffte. Seine monumentalen
Landschaftsaufnahmen – die vom idyllischen Klöntal bis an den Rio Negro reichen –, die Luftaufnahmen von Metropolen wie Mexiko-Stadt und Chicago sowie den Alpen, Tierporträts wie «Der Pavian» oder «Little Donkey» (1996), florale Stillleben vor tiefschwarzem Hintergrund und präzise nackte Körperfragmente haben sich tief in das kollektive Gedächtnis der Schweiz und der internationalen Kunstwelt eingeschrieben.
Der Mensch hinter den Bildern
Das Archiv eröffnet einen faszinierenden Überblick über diese facettenreichen Bildwelten. Es enthüllt einen Künstler, der nicht nur bei der Wahl seiner Motive, sondern ebenso in Form, Bildausschnitt und
Fokus experimentierte. So entdeckte das Team der Fotostiftung beispielsweise im Werkkomplex zum menschlichen Körper zahlreiche Skizzen und konzeptionelle Vorarbeiten – ein glücklicher Fund, der
Burkhards präzisen Arbeitsprozess erhellt.
Dank der systematischen Erfassung und der Publikation der Referenzabzüge durch die Fotostiftung Schweiz stehen die Türen für zukünftige Forschungsprojekte nun weit offen.
Einblicke in die Gedankenwelt des Künstlers
Die vorläufige Katalogisierung des Archivs ist von unschätzbarem Wert für die Erforschung der Kunstfotografie und der Ausstellungspraxis ab den 1970er-Jahren. In seiner Rolle als «Chronist» der Kunsthalle Bern blickte Burkhard dem legendären, ersten unabhängigen Kurator Harald Szeemann über die Schulter. Für Ausstellungsprojekte können Kuratorinnen und Kuratoren heute Abzüge in Museumsqualität anfragen, während Medien und Verlage hochauflösende Masterdateien für Publikationen erhalten.
«Ich habe es nie geschafft mit Aktfotos. Die Versuche habe ich weggeworfen. Aber die weggeworfenen Fotos sind ebenso wichtig wie die gelungenen.»
Balthasar Burkhard
Diese kritische Selbsteinschätzung äußerte der Fotograf vor einem grossen, zwischen 1980 und 1993 entstandenen Körper-Projekt, in dem er mit der Kamera extrem nah an seine Modelle herantrat und physische Details chirurgisch genau einfing.
«Diese Fotos [Landschaften] beschränken die Botschaft auf ein Minimum. … Das Wichtige ist die Leere. Ich wollte alles weglassen, was mit mir zu tun hat, damit das, was übrig bleibt, wirklich mit mir zu tun hat: Ich gewann Distanz zu meinem Gegenstand. Ich gewann Distanz zu mir und meiner Arbeit.»
Balthasar Burkhard
Auf die Frage, ob er Vorbilder gehabt habe, antwortete Burkhard treffend: «Als Künstler fühle ich eine grosse Verwandtschaft zu Alberto Giacometti. Er arbeitet mit der Wahrnehmung, mit Licht und Schatten, genau wie der Fotograf.»